Was macht Funkymodo, die Funk & Soul Band aus Bonn, zum perfekten Live-Act für jedes Stadtfest?

Eine Investigativ-Reportage über authentische Musik und gelungene städtische Kulturkonzepte

Die Frühlingssonne ist endlich da und kündigt die schöne Jahreshälfte an. Für Funkymodo, die Funk & Soul Band aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis heißt das: Raus aus den Keller-Clubs und endlich wieder unter freiem Himmel spielen – im Biergarten und auf dem kleinen Straßenfest ebenso wie auf den großen Konzertbühnen der Stadtfeste und regionalen Musikfestivals.  

Funkymodo auf dem Siegburger Weinfest 2015.

Funkymodo auf dem Siegburger Weinfest 2015.

An einem Mittwochabend treffe ich die Band nach ihrer wöchentlichen Probe beim gemütlichen Beisammensein im Garten. Mit ihren genreübergreifenden Eigenkompositionen zwischen Funk, Soul, HipHop, Reggae und einer Prise Jazz können die Musiker in den letzten Jahren eine steigende Nachfrage seitens Kulturämtern, Stadtmarketing, Konzertveranstaltern und privaten Kulturinitiativen verzeichnen, sei es für das lauschige Weinfest im gemütlichen Innenhof oder für die große Bühne beim lokalen Festival.

Ich möchte wissen, was Funkymodo zum perfekten Live-Act auf den Open Air Spielstätten zwischen Köln, Brühl, Bornheim, Alfter, Troisdorf, Siegburg, Euskirchen, Rheinbach und Bonn gemacht hat.  „Ich sag mal so, es liegt nicht allein an unserem Aussehen“ scherzt Funkymodo-Sänger Pascal Nolting (29, verheiratet*), der sich für die aussagekräftigen Songtexte der Band verantwortlich zeichnet.

Bis vor wenigen Jahren wurden noch vorwiegend Coverbands für Mai-Kirmes, Schützenfest & Co gebucht, frei nach dem Motto: Da ist für jeden was dabei, da kann man nix falsch machen. Nun wendet sich das Blatt langsam, da sich anspruchsvolle Veranstalter heute verstärkt als Kulturschaffende sehen und der lokalen Musikszene eine Plattform bieten wollen. „Eine Formation, die ihre eigenen Kompositionen vorträgt, bietet ein authentisches und originales Konzerterlebnis – und manifestiert damit nicht zuletzt den künstlerischen Anspruch des Veranstalters“ bringt es Drummer und Funkymodo-Veteran Ingo Burkert (gefühlte 39) mit routinierter Eloquenz auf den Punkt.

„Der Trend bei der Livemusik-Produktion geht ganz klar hin zu handgefertigt, regional und bio“, erläutert Posaunist Malte Grönemann den gesellschaftlichen Aspekt der gestiegenen Nachfrage. Seit die Modos den studierenden Soziologen mit ins Boot geholt haben, nutzen sie soziale Strömungen effektiv zur Implementierung ihrer Marketingstrategien. Der gestandene Social Media Experte posaunt seine geschliffenen Statements nicht nur mit dem Horn, sondern auch digital per Smartphone bei Facebook, Twitter & Co raus: „Wir können garantieren, dass jeder Funkyomodo Song regional in Handarbeit mit natürlichen Zutaten gefertigt wird, von Musikern aus Dachbodenhaltung, oben in unserem Proberaum“.

Rechtsexperte und Saxmann Johannes Ungerer ergänzt: „Am Fair Trade Siegel für die Covernummern sind wir auch schon dran“, und offenbart damit, wie effektiv die Räder der gut geölten PR Maschine der Funkies ineinandergreifen. Doch kann dieser Ansatz funktionieren, bei dem doch sehr heterogenen Publikum, das man auf Stadtfesten antrifft, rangierend zwischen dreijährigen Laufrad-Freaks und rollatorgestützten Senioren?

Funkymodo beim Straßenmusikfest "Ars Fontana" in Unkel 2013.

Funkymodo beim Straßenmusikfest „Ars Fontana“ in Unkel 2013.

Szenenwechsel: Ich bin zu Besuch auf dem Siegburger Marktplatz an einem Sonntagnachmittag im Spätsommer. Die tief stehenden Sonnenstrahlen des herrlichen Septembertages tauchen den Marktplatz der Sieg-Metropole in warmes Licht und verbreiten Urlaubsstimmung. Abgerundet wird die Szenerie durch einen warmen Reggae-Beat mit entspannt laid back gehaltenen Bläser-Riffs. Der pumpende Sound bietet die perfekte Grundlage für den vom Publikum gefeierten Funkymodo-Frontmann Pascal Nolting („…I ain’t no Carribbean, I’m a man from here…“), der heute auf den ersten Blick wie der pilotenbebrillte Chef-Animateur vom Robinsonclub Ibiza anmutet.

Unter den Zuhörern treffe ich auf Harald Wunstädter (53), leitender Angestellter bei einem großen Logistik-Konzern im benachbarten Bonn und seine neue Freundin Priscilla (23), die gerade Kommunikationsdesign im dritten Semester an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. „Wir haben gehört, dass hier heute verkaufsoffener Sonntag ist, und da haben wir gedacht: Wir schauen uns mal an, was in Siegburg so los ist und sind von Bonn rübergefahren“, berichtet Wunstädter und fährt mit gewinnendem Lächeln fort: „Da sieht man es wieder, man muss nicht bis nach Köln fahren, um ein gutes Konzert mit cooler Atmo zu erleben.“

Derweil taucht Priscilla in den Offbeat der entspannt groovenden Riddim-Section ein. „Da muss man einfach mitgehen, und der Typ is soo süüß“, steuert die angehende Kommunikationsdesignerin ihre persönliche Sichtweise zur Debatte bei. „Der Club Med Heini, oder was?“, blafft Wunstädter, jetzt mit etwas angespannterem Lächeln. „Nee, der Gittaris..“ versucht Priscilla zu klären, aber Wunstädter ist schon ganz woanders: „Du , Schatz, wart mal kurz, ich geh mal schnell rüber zu dem Optiker dahinten. Wollt mir schon immer mal so ne steile Pilotenbrille zulegen…“. Auch sonst scheint das Konzept der Stadtmarketing-Abteilung voll aufgegangen zu sein: Die diversen Tüten und Taschen, die Priscilla ihr Eigen nennt, deuten auf intensive Strapazierung von Wunstädters MasterCard Gold in diversen Siegburger Boutiquen hin.

Galeria Kaufhof Firmenjubiläum 2014, Siegburg: Funkymodo hat auch ein Herz für die freie Wirtschaft.

Galeria Kaufhof Firmenjubiläum 2014, Siegburg: Funkymodo hat auch ein Herz für die freie Wirtschaft.

Die Band schaltet derweil einen Gang höher und die dreiköpfige Bläser-Formation, bestehend aus Johannes Ungerer, Daniel Dober und Malte Grönemann (alle schon über 18), schickt ihre knackigen Funk-Riffs routiniert zum Publikum rüber. Ganz vorne am Bühnenrand feiert der Stagediving-Novize Leon (4) das Bäser-Intro gebührend ab und schwoft zum anschließenden Kopfnicker-Rap des Wortakrobaten Pascal. Auch Leons Oma Roswitha Berlinghaus (73), die mit ihrem Enkel aus Sieglar angereist ist, gibt sich begeistert: „So Stromgitarrenmusik ist ja eigentlich nicht so meins, aber die jungen Herren hier, die machen schon Stimmung, muss ich sagen. Mein Walter hat ja auch immer gern Akkordeon gespielt, schade dass der jetzt nicht hier ist“.

Nach Ende des Konzerts habe ich noch Gelegenheit ein paar Worte mit den Bandmitgliedern im benachbarten Cafe Casbah zu wechseln. Wie das harte Leben auf Tour, all die Fans und Drogen und der Alkohol  ihr Leben verändert haben, möchte ich wissen. „Wenn ich den Familienkombi nachher zurück zu unserem Reihenendhaus fahre, ist mir schon wichtig, dass ich noch einen einigermaßen klaren Kopf habe“, relativiert Tastenmann Christoph Möhl (noch unter 40) den kompromisslosen Rock‘nRoll Lifestyle der Vollblutblutmusiker.

Nachdem Christoph einen  weiteren tiefen Schluck aus seinem Jever Fun Light (glutenfrei) genommen  hat, schaltet sich Frontmann Pascal ins Gespräch ein: „Gerade wenn wir an unseren Reggaesachen arbeiten spielen bewusstseinserweiternde Kräuter schon eine gewisse Rolle im Proberaum. Aber, hey: Ingos Kräutertee mit ordentlich Kamille, Ingwer und Salbei ist einfach das Beste für die Stimme, gerade in der vor uns liegenden Erkältungszeit.“ Dabei verströmt die E-Zigarette in Longpaper-Optik, die Pascal lässig in der Linken hält, den wohltuenden Duft ayurvedischen Balsamöls, der jedes Passivrauchen zur willkommenen Wellness-Auszeit upgradet.

Was die Band denn mit ihrer Kunst ausdrücken wolle, möchte ich anschließend wissen. „Wenn du nicht selbst da draußen gelebt hast, dann weißt du nicht wie es ist. Wir versuchen das den Leuten mit unserer Musik mitzuteilen“, bringt Carsten Oberscheid (4**), der gut gebuchte Ersatzbank-Bassist und Webmaster der Band, den Stein ins Rollen. Gitarrist Martin Sprinkart (6**), der in einem der vielen trostlosen Neubau-Ghettos am Rande der Stadt mit seiner Großfamilie haust, präzisiert: „Das Leben bei uns da draußen ist hart. Die vielen Kinder, die auf der Straße spielen müssen, weil der Spielplatz noch nicht fertig ist, die brennenden Kohletonnen, um die sich die Anwohner versammeln, um wenigstens ein bisschen Lebensqualität zu haben – in Form von auf Punkt gegarten Rinderfiletsteaks und lecker Kartoffelsalat… Und für viele ist das eine Einbahnstraße. Einmal Ghetto- immer Ghetto. Mit unserer Musik können wir diesen Leuten eine Stimme geben und die eigene Ausweglosigkeit wenigstens auf der Bühne hinter uns lassen.“

Ausnahmetrompeter Daniel Dober pflichtet bei: „Diese Zustände hat Curtis Mayfield in den 70ern schon angeprangert. Dann die HipHop-Bewegung in den New Yorker Ghettos der 80er. Wir sehen uns da in einer langen Tradition.“ Abschließend untermauert Bass-Mann Martin „Smart“ Szalay (5**) die unangefochtene Street Credibility der Band mit dem Satz: „RESPECT – das ist, was zählt. Nicht zuletzt sollen die Leute RESPECT haben, wenn ich mal wieder ein krasses Bass-Solo auf der Bühne zocke!“

Funkymodo 2016 im Pantheon Casino, Bonn.

Funkymodo 2016 im Pantheon Casino, Bonn.

Mit diesen Worten neigt sich der schöne Spätsommertag dem Ende zu. Beinahe ist es, als erwache man aus einem schönen Traum. Die harte Lebenswirklichkeit der Funkymodos zwischen Überstunden im Büro, Powerpoint Präsentationen, Uni-Klausuren und Gartenarbeit unter sengender Sonne rückt langsam und unbarmherzig ins Blickfeld. Doch bald werden sie wieder auf der Bühne stehen, um das Publikum zu begeistern. Vielleicht in Ihrer Stadt?

(cm)

*sorry, Ladies

**Saiten, nicht Jahre